Zitate zur Deutschen Einheit – geprüft, mit Quelle und Kontext

Viele Sätze zur Deutschen Einheit kennt fast jeder – doch nicht alle sind so gefallen, wie sie heute zitiert werden. Diese Seite versammelt 33 Zitate von 1961 bis 2021 im belegten Wortlaut, jeweils mit Datum, Anlass, Quelle (Redetext, Protokoll, Bulletin oder Tonabschrift) und einer kurzen Einordnung. Ein eigener Abschnitt zeigt, welche berühmten Sätze verkürzt, verändert oder falsch zugeschrieben kursieren.

Herbst 1989

So sind die Zitate geprüft

  • Jeder Wortlaut stammt aus Redetext, Protokoll, Bulletin der Bundesregierung, Tonabschrift oder wissenschaftlicher Edition; die Quelle ist jeweils verlinkt.
  • Die Originalschreibweise bleibt erhalten, etwa „daß“ in Texten vor der Rechtschreibreform. Auslassungen sind mit „…“ markiert.
  • Die Zitate sind bewusst kurz. Sätze, deren Wortlaut sich nicht verlässlich nachprüfen ließ, fehlen. Stand: 19. September 2026.

Im Herbst 1989 geriet die SED-Führung von zwei Seiten unter Druck: durch die Ausreisewelle über Ungarn und die westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau sowie durch eine Opposition, die im Land bleiben und es verändern wollte. Den Verlauf beschreibt die Seite zur Friedlichen Revolution.

„In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“

— Neues Forum, Gründungsaufruf „Aufbruch 89“, 10. September 1989

Mit diesem Satz beginnt der Aufruf, den 30 Personen am 10. September 1989 unterzeichneten – einen Tag nach der Gründung der Initiative. Quelle: LeMO, Stiftung Haus der Geschichte.

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“

— Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundesaußenminister, vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag, 30. September 1989

Das Satzende „… möglich geworden ist“ ging im Jubel der Menschen im Botschaftsgarten unter – vollständige Fassungen geben wieder, was Genscher sagen wollte, nicht, was zu hören war. Zeitweise hielten sich dort bis zu 4.000 Flüchtlinge auf. Quelle: Deutsche Botschaft Prag.

„Wir engagieren uns im NEUEN FORUM, weil wir uns Sorgen um die DDR machen – wir wollen hier bleiben und arbeiten.“

— Neues Forum, Aufruf „Liebe Freunde und Freundinnen des NEUEN FORUM“, 1. Oktober 1989

Der unter anderem von Bärbel Bohley unterzeichnete Aufruf setzte einen Gegenpol zur Ausreisewelle: Ziel war die Erneuerung der DDR von innen. Quelle: Chronik der Mauer.

„Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle.“

— Politbüro des ZK der SED, Erklärung, veröffentlicht im „Neuen Deutschland“, 12. Oktober 1989

In derselben Erklärung heißt es, es lasse die Partei „nicht gleichgültig“, wenn sich Menschen von der DDR „losgesagt haben“. Quelle: Chronik der Mauer.

„Sie rufen: ‚Wir sind das Volk!‘, und ich bin sicher, ihre Rufe werden nicht mehr verhallen.“

— Helmut Kohl (CDU), Bundeskanzler, Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland, Deutscher Bundestag, 8. November 1989

Kohl bezog sich auf die Demonstrationen in Berlin, Leipzig, Dresden, Schwerin, Plauen und weiteren Städten der DDR. In derselben Rede sagte er: „Freie Selbstbestimmung für alle Deutschen – das war, ist und bleibt das Herzstück unserer Deutschlandpolitik.“ Einen Tag später fiel die Mauer. Quelle: Chronik der Mauer (Bulletin der Bundesregierung Nr. 123/1989).

Die Nacht des 9. November und der Tag danach

Wie es zur Öffnung der Grenzübergänge kam, zeichnet die Seite zum Mauerfall 1989 nach. Hier geht es um die Sätze, die in diesen Stunden fielen – und darum, wie sie überliefert sind.

„Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“

— Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros, Internationale Pressekonferenz in Ost-Berlin, 9. November 1989

So verzeichnet es die Tonabschrift des Historikers Hans-Hermann Hertle als Antwort auf die Frage „Wann tritt das in Kraft?“; Schabowski blätterte dabei in seinen Unterlagen. Oft wird der Satzbruch mit „…“ markiert. „Ab sofort?“ fragten Journalisten nach – Schabowski selbst sprach von „sofort, unverzüglich“. Quelle: Chronik der Mauer.

„Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt.“

— Walter Momper (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Antrittsrede als Bundesratspräsident, 10. November 1989

Momper hatte turnusgemäß gerade den Vorsitz im Bundesrat übernommen; seine Antrittsrede fiel auf den Tag nach der Grenzöffnung. In Umlauf ist auch die Variante „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt“ – sie ist der Titel einer Dokumentation der Berliner Senatskanzlei zu den Reden vom 10. November 1989. Quelle: bpb, Deutschland-Chronik: 10. November 1989.

„Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“

— Willy Brandt (SPD), Altkanzler und SPD-Ehrenvorsitzender, Hörfunkinterview mit dem SFB, 10. November 1989

Brandt gab das Interview für das „Mittagsecho“ des Senders Freies Berlin bei seinem Eintreffen am Rathaus Schöneberg und fügte hinzu: „Das gilt für Europa im Ganzen.“ Die bekannte Kurzform stammt nicht von hier – mehr dazu unter Falsch oder verkürzt zitiert. Quelle: Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung.

„… wir erleben, dass die Teile Europas wieder zusammenwachsen.“

— Willy Brandt, Rede vor dem Rathaus Schöneberg, Berlin, 10. November 1989

Im selben Satz dankte Brandt dem „Herrgott“, dies miterleben zu dürfen; die gesprochene Rede stellte den Mauerfall in einen europäischen Rahmen. Quelle: Redetext der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung.

Auf dem Weg zur Einheit 1989/90

Zwischen Mauerfall und Beitritt lagen keine elf Monate. Verträge, Wahlen und Weichenstellungen dieser Zeit erläutert die Seite zur Deutschen Wiedervereinigung.

„… konföderative Strukturen zwischen beiden Staaten in Deutschland zu entwickeln mit dem Ziel, eine Föderation, das heißt eine bundesstaatliche Ordnung, in Deutschland zu schaffen.“

— Helmut Kohl, Bundeskanzler, Zehn-Punkte-Programm im Deutschen Bundestag, 28. November 1989

Das ist Punkt 5 des Programms. In Punkt 10 nannte Kohl die Wiedervereinigung „das politische Ziel der Bundesregierung“. Quelle: Chronik der Mauer (Bulletin Nr. 134/1989).

„Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“

— Helmut Kohl, Fernsehansprache zum Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, 1. Juli 1990

Die Schreibweise „Mecklenburg/Vorpommern“ folgt dem Bulletin der Bundesregierung (Nr. 86 vom 3. Juli 1990). Eine Jahresfrist nennt die Ansprache nicht. Quelle: Chronik der Mauer.

„Die Volkskammer erklärt den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990.“

— Beschluss der Volkskammer der DDR, 23. August 1990

Der Beschluss fiel in der Nacht. Bundeskanzler Kohl sprach am selben Tag im Bundestag von einer Mehrheit „von mehr als 80 Prozent der abgegebenen Stimmen“ und sagte: „Der heutige Tag ist ein Tag der Freude für alle Deutschen.“ Quellen: Beschluss und Regierungserklärung (Chronik der Mauer).

„Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihre Erklärungen, daß von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird.“

— Zwei-plus-Vier-Vertrag, Artikel 2, unterzeichnet in Moskau, 12. September 1990

Der Vertrag der beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten regelte die äußeren Aspekte der Einheit (Originalschreibweise „daß“). Kohl griff den Gedanken in seiner Botschaft an alle Regierungen der Welt am 3. Oktober 1990 auf: „Von deutschem Boden wird in Zukunft nur Frieden ausgehen.“ Quellen: Vertragstext und Botschaft (Chronik der Mauer).

Der 3. Oktober 1990

Am Vorabend wandten sich beide Regierungschefs an die Bevölkerung, am Tag selbst sprach der Bundespräsident beim Staatsakt in der Berliner Philharmonie.

„Es ist ungewöhnlich, daß sich ein Staat freiwillig aus der Geschichte verabschiedet. Ebenso ungewöhnlich und widernatürlich war aber auch die Teilung unseres Landes.“

— Lothar de Maizière (CDU), Ministerpräsident der DDR, Rundfunk- und Fernsehansprache, 2. Oktober 1990

Mit diesen Sätzen begann die Ansprache des ersten frei gewählten und letzten Regierungschefs der DDR (Originalschreibweise). Quelle: Chronik der Mauer (Bulletin Nr. 118/1990).

„Liebe Landsleute! In wenigen Stunden wird ein Traum Wirklichkeit.“

— Helmut Kohl, Bundeskanzler, Rundfunk- und Fernsehansprache, 2. Oktober 1990

In derselben Ansprache kam Kohl auf die „blühenden Landschaften“ zurück – diesmal mit einer Zeitangabe (siehe unten). Quelle: Chronik der Mauer.

„Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet.“

— Richard von Weizsäcker, Bundespräsident, Staatsakt zum Tag der Deutschen Einheit, Berlin, 3. Oktober 1990

„Sich zu vereinen, heißt teilen lernen.“

— Richard von Weizsäcker, Bundespräsident, Staatsakt zum Tag der Deutschen Einheit, Berlin, 3. Oktober 1990

Der vielzitierte Satz ist korrekt überliefert. Im Redetext folgt: „Mit hochrentierlichen Anleihen allein wird sich die deutsche Einheit nicht finanzieren lassen.“ Quelle: Bundespräsidialamt.

Rückblicke zu Jahrestagen

Zu Jahrestagen ordnen Staatsoberhäupter und Regierungschefs die Einheit neu ein – am 3. Oktober 2026 zum 36. Mal. Die Sätze stammen aus den amtlich veröffentlichten Redetexten.

„‚Wir sind ein Volk!‘ Dieser Ruf der Einheit muss heute eine Einladung sein an alle, die hier leben.“

— Christian Wulff, Bundespräsident, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, Bremen, 3. Oktober 2010

Wulff bezog die Losung von 1989 auf alle Menschen in Deutschland. Aus derselben Rede stammt ein Satz, der oft verkürzt zitiert wird (siehe unten). Quelle: Bundespräsidialamt.

„Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbar, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen ‚Wir‘ im Wege stehen.“

— Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, Festakt zum Tag der Deutschen Einheit, Mainz, 3. Oktober 2017

Gemeint ist die Bundestagswahl vom 24. September 2017. Als Beispiele nannte Steinmeier Mauern zwischen Stadt und Land, Arm und Reich, Alt und Jung. Quelle: Bundespräsidialamt.

„Eine Staatsmacht war ohnmächtig, weil die Menschen ihr nicht mehr folgten.“

— Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, Festakt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, Potsdam, 3. Oktober 2020

Die Rede in der Potsdamer Metropolishalle fiel in die Corona-Pandemie. An anderer Stelle heißt es: „Die Friedliche Revolution hat eine Diktatur zu Fall gebracht.“ Quelle: Bundespräsidialamt.

„Die DDR-Biografie, also eine persönliche Lebensgeschichte von in meinem Fall 35 Jahren in einem Staat der Diktatur und Repression – ‚Ballast‘?“

— Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, Festakt zum Tag der Deutschen Einheit, Halle (Saale), 3. Oktober 2021

Merkel reagierte auf einen Aufsatz in einem 2020 von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Buch, der ihr den „Ballast ihrer DDR-Biographie“ zugeschrieben hatte. Es war ihre letzte Rede zum Einheitstag als Kanzlerin.

„Demokratie ist nicht einfach da, sondern wir müssen immer wieder für sie miteinander arbeiten, jeden Tag.“

— Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, Festakt zum Tag der Deutschen Einheit, Halle (Saale), 3. Oktober 2021

Quelle für beide Zitate: Bundesregierung.

Losungen der Friedlichen Revolution

Die Rufe der Demonstrierenden haben keinen einzelnen Urheber. Wann und wo sie zuerst erklangen, lässt sich selten auf den Tag genau belegen. Die folgenden Angaben stützen sich auf Museen und Einrichtungen der politischen Bildung.

„Keine Gewalt!“

— Sprechchor der Montagsdemonstration, Leipzig, 9. Oktober 1989

Rund 70.000 Menschen demonstrierten an diesem Tag in Leipzig. Das Museum in der Runden Ecke nennt „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ die „entscheidenden Losungen des Tages“. Kurt Masur, Bernd-Lutz Lange, Peter Zimmermann und drei SED-Bezirkssekretäre ließen am frühen Abend in Kirchen und über den Rundfunk einen Aufruf zur Besonnenheit verlesen. An den Tag erinnert heute das Lichtfest Leipzig. Quellen: Museum in der Runden Ecke, LeMO.

„Wir sind das Volk!“

— Sprechchor der Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten, Herbst 1989

Der Ruf stellte dem Machtanspruch der SED die Demonstrierenden selbst gegenüber. Er erklang auch bei der Großdemonstration am 4. November 1989 in Ost-Berlin, und Bundeskanzler Kohl zitierte ihn am 8. November im Bundestag.

„Wir sind ein Volk!“

— Sprechchor der Montagsdemonstrationen, ab November 1989

Laut LeMO war der Ruf bei den Montagsdemonstrationen am 13. November 1989 erstmals zu hören. Mit einem einzigen geänderten Wort verschob sich der Akzent von der demokratischen Mitsprache zur staatlichen Einheit. Einzelne Darstellungen datieren frühere Varianten; die Angaben in der Literatur sind nicht einheitlich. Quelle: LeMO.

„Deutschland, einig Vaterland“

— Sprechchor der Montagsdemonstrationen, ab 13. November 1989

Die Worte stammen aus der Nationalhymne der DDR („Auferstanden aus Ruinen“, Text: Johannes R. Becher). Bundespräsident Wulff sagte 2010: „Seit 20 Jahren sind wir wieder ‚Deutschland einig Vaterland‘.“

„Visafrei bis Hawaii!“

— Sprechchor bei der Großdemonstration in Ost-Berlin, 4. November 1989

Auf selbst gemalten Transparenten stand an diesem Tag etwa „Rücktritt ist Fortschritt“ oder „Das Volk sind wir, gehen sollt ihr“. Quelle: jugendopposition.de (bpb und Robert-Havemann-Gesellschaft).

Falsch oder verkürzt zitiert

Manche Sätze haben sich vom Original gelöst: Sie wurden geglättet, gekürzt oder anderen zugeschrieben. Die folgenden Fälle zeigen, was belegt ist.

Brandt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“

— Willy Brandt, Buchfassung seiner Rede vom 10. November 1989 in „… was zusammengehört. Reden zu Deutschland“, 1990

In der gesprochenen Rede kommt der Satz nicht vor – das Deutsche Rundfunkarchiv vermerkt, dass die Passage in der Aufnahme fehlt. Belegt ist die längere Fassung aus dem SFB-Interview (siehe oben). Nach der Rekonstruktion des Historikers Timothy Garton Ash schlug Brandt selbst vor, den Satz für die Buchausgabe in die Rede aufzunehmen, weil er sich nicht mehr erinnerte, wo er ihn gesagt hatte. Quelle: Garton Ash, Schriftenreihe Heft 8, Willy-Brandt-Stiftung 2001.

Gorbatschow: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

„Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“

— Michail Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU, gegenüber der SED-Führung beim Besuch zum 40. Jahrestag der DDR, Oktober 1989

So gibt das LeMO die Mahnung wieder und ergänzt: „Aus der Übersetzung des Dolmetschers wird das geflügelte Wort: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben‘.“ Andere Darstellungen nennen Gorbatschows Sprecher Gennadi Gerassimow, der den Gedanken vor Journalisten zugespitzt haben soll. In der bekannten Form ist der Satz von Gorbatschow nicht belegt. Quelle: LeMO, Stiftung Haus der Geschichte.

Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

— Walter Ulbricht, SED-Chef und Staatsratsvorsitzender der DDR, Internationale Pressekonferenz in Ost-Berlin, 15. Juni 1961

Das Zitat ist korrekt, ein RIAS-Mitschnitt ist erhalten. Entscheidend ist der Zusammenhang: Die Journalistin Annamarie Doherr („Frankfurter Rundschau“) hatte nach einer Staatsgrenze am Brandenburger Tor gefragt – das Wort „Mauer“ brachte Ulbricht selbst ins Spiel. Am 13. August 1961 begann der Mauerbau. Quelle: Chronik der Mauer, Tondokument aus dem Deutschen Rundfunkarchiv.

Honecker: Die Mauer in „50 und auch in 100 Jahren“

„… in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen …, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“

— Erich Honecker, SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender, Januar 1989

Oft wird nur die erste Hälfte zitiert. Honecker knüpfte den Fortbestand der Mauer jedoch an eine Bedingung. Zehn Monate später war die Grenze offen. Quelle: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Kohl: Die „blühenden Landschaften“ und die Zeitfrage

„… werden schon in wenigen Jahren aus Brandenburg, aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Sachsen, aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen blühende Landschaften geworden sein.“

— Helmut Kohl, Bundeskanzler, Rundfunk- und Fernsehansprache, 2. Oktober 1990

Am 1. Juli 1990 hatte Kohl „schon bald“ gesagt, am Vorabend der Einheit „schon in wenigen Jahren“. Eine feste Frist wie „drei oder vier Jahre“ enthält keine der beiden Ansprachen – wer Kohl mit einer solchen Zahl zitiert, sollte Datum und Quelle nennen.

Wulff: „Der Islam gehört zu Deutschland“

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

— Christian Wulff, Bundespräsident, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, Bremen, 3. Oktober 2010

In Debatten kursiert häufig die Kurzform „Der Islam gehört zu Deutschland“. Im Redetext stehen die Wörter „inzwischen auch“, und der Satz folgt auf zwei Sätze über Christentum und Judentum.

So prüfen Sie ein Zitat selbst

  • Fragen Sie nach Datum und Anlass – ohne beides ist ein Zitat kein Beleg.
  • Suchen Sie die Primärquelle: Redetext, Plenarprotokoll, Bulletin oder Tonaufnahme.
  • Achten Sie auf Auslassungen und Nebensätze; oft verändern sie den Sinn.
  • Misstrauen Sie Zitatsammlungen ohne Quellenangabe.

Quellen und weiterführende Links

Alle Angaben auf dieser Seite haben wir anhand der folgenden Quellen geprüft (Stand: 19. September 2026). Maßgeblich sind im Zweifel die Angaben der jeweiligen Herausgeber.

Häufig gestellte Fragen: Zitate zur Einheit

Die wichtigsten Antworten im Überblick

Nicht in dieser Form in seiner Rede. Belegt ist aus einem SFB-Hörfunkinterview vom 10. November 1989: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“ In der Aufnahme der Rede vor dem Rathaus Schöneberg fehlt der Satz. Die Kurzform gelangte erst 1990 in die Buchfassung der Rede – nach der Rekonstruktion des Historikers Timothy Garton Ash auf Brandts eigenen Vorschlag.

Auf die Frage, wann die neue Reiseregelung in Kraft trete, antwortete er laut Tonabschrift: „Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Die Formulierung „ab sofort“ stammt aus Nachfragen von Journalisten. Wie es danach weiterging, lesen Sie auf der Seite zum Mauerfall 1989.

Wörtlich nicht. Das Lebendige Museum Online (LeMO) gibt seine Mahnung an die SED-Führung im Oktober 1989 so wieder: „Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Die bekannte Kurzform entstand erst bei der Übersetzung und Weitergabe; in manchen Darstellungen wird Gorbatschows Sprecher Gennadi Gerassimow als Urheber der Zuspitzung genannt.

In der Fernsehansprache vom 1. Juli 1990 sagte Helmut Kohl, es werde gelingen, die ostdeutschen Länder „schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt“. Am 2. Oktober 1990 sprach er von „schon in wenigen Jahren“. Eine Frist von drei oder vier Jahren steht in keiner der beiden Ansprachen.

„Wir sind das Volk!“ prägte den Herbst 1989, etwa die Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober. Nach Angaben des LeMO waren „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland, einig Vaterland“ bei den Montagsdemonstrationen am 13. November 1989 erstmals zu hören. Die Datierungen in der Literatur sind allerdings nicht einheitlich. Mehr dazu auf der Seite zur Friedlichen Revolution.

Am 30. September 1989 sagte der Bundesaußenminister: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Der Rest des Satzes („… möglich geworden ist“) ging im Jubel der Flüchtlinge unter. Laut Deutscher Botschaft Prag hielten sich zeitweise bis zu 4.000 Menschen auf dem Gelände auf.

Walter Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961. Das Zitat ist korrekt überliefert, ein Mitschnitt des RIAS ist erhalten. Bemerkenswert: Die Frage der Journalistin Annamarie Doherr betraf eine Staatsgrenze am Brandenburger Tor – das Wort „Mauer“ verwendete Ulbricht selbst. Am 13. August 1961 begann der Mauerbau.

Beim Staatsakt in der Berliner Philharmonie sagte der Bundespräsident unter anderem: „Sich zu vereinen, heißt teilen lernen.“ Außerdem: „Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet.“ Beide Sätze stehen im Redetext, den das Bundespräsidialamt veröffentlicht.

Ein belastbares Zitat nennt Sprecher, Datum, Anlass und eine überprüfbare Quelle – etwa einen Redetext, ein Parlamentsprotokoll, das Bulletin der Bundesregierung oder eine Tonaufnahme. Vorsicht ist bei glatt klingenden Kurzfassungen ohne Datum geboten und bei Auslassungen, die einen einschränkenden Nebensatz verschwinden lassen. Im Zweifel hilft der Blick in die Originalquelle.