Deutsche Geschichte: Von den Anfängen bis heute

Die deutsche Geschichte umspannt über 2000 Jahre und ist geprägt von tiefgreifenden Wandlungen, großen Errungenschaften und dramatischen Wendepunkten. Von den germanischen Stämmen über das Heilige Römische Reich bis zur modernen Bundesrepublik Deutschland – diese umfassende Darstellung führt Sie durch die wichtigsten Epochen, Ereignisse und Entwicklungen, die Deutschland zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Frühe Geschichte (bis 843)

Darstellungen der deutschen Geschichte beginnen häufig mit den germanischen Stämmen, die in römischen Quellen seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. greifbar werden. Zu diesen Völkern gehörten etwa Cherusker und Sueben, später auch Alemannen, Franken und Sachsen. Germanen und Deutsche sind allerdings nicht gleichzusetzen: Ein „deutsches“ Bewusstsein und ein deutsches Reich entwickelten sich erst viele Jahrhunderte später.

Die Römerzeit

Die Begegnung zwischen Germanen und Römern war ein entscheidender Faktor für die frühe Geschichte Mitteleuropas. Während die Römer unter Augustus versuchten, Germanien bis zur Elbe zu unterwerfen, erlitten sie in der Varusschlacht (9 n. Chr.), traditionell „Schlacht im Teutoburger Wald“ genannt, eine schwere Niederlage gegen ein Bündnis germanischer Stämme unter dem Cheruskerfürsten Arminius.

Wichtige Ereignisse der frühen deutschen Geschichte

9 n. Chr.
Varusschlacht – Arminius vernichtet drei römische Legionen unter Varus
375
Hunneneinfall – traditioneller Beginn der Völkerwanderung in Europa
476
Ende des Weströmischen Reiches – germanische Königreiche entstehen
800
Kaiserkrönung Karls des Großen – Erneuerung des Kaisertums im Westen
843
Vertrag von Verdun – Teilung des Frankenreichs in ein West-, ein Mittel- und ein Ostfrankenreich

Die Völkerwanderung

Die Völkerwanderung (375–568 n. Chr.) brachte große Bewegungen germanischer Stämme mit sich. Westgoten, Ostgoten, Vandalen und andere Völker zogen durch Europa und gründeten neue Reiche. Diese Zeit der Umbrüche führte zum Untergang des Weströmischen Reiches und zur Entstehung neuer germanisch-romanischer Kulturen.

Das Frankenreich

Aus der Völkerwanderung ging das Frankenreich als dominante Macht hervor. Unter dem Merowinger Chlodwig I. (482–511) traten die Franken zum katholischen Christentum über. Ihren Höhepunkt erreichte die fränkische Macht unter dem Karolinger Karl dem Großen (768–814).

814
starb Karl der Große in Aachen, seiner bevorzugten Residenz
800
Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom
46
Jahre regierte Karl der Große
Karls Biograf Einhard berichtet in seiner nach 814 entstandenen „Vita Karoli Magni“, der Kaiser habe Latein so gut wie seine Muttersprache gesprochen und Griechisch besser verstanden als gesprochen. Schreiben habe er erst spät zu lernen versucht – mit wenig Erfolg. Zugleich förderte Karl Bildung, Klöster und Schulen und legte damit Grundlagen der sogenannten karolingischen Renaissance.

Der Vertrag von Verdun

Der Vertrag von Verdun (843) teilte das Frankenreich unter den Enkeln Karls des Großen auf. Ludwig der Deutsche erhielt im Wesentlichen die Gebiete östlich des Rheins, dazu linksrheinisch Mainz, Worms und Speyer. Das Ostfrankenreich gilt als eine Wurzel des späteren deutschen Reiches; die ältere Vorstellung, 843 markiere die „Geburtsstunde“ Deutschlands, gilt in der Forschung jedoch als überholt – die Entstehung eines deutschen Reiches war ein Prozess, der sich über das 9. und 10. Jahrhundert erstreckte.

Mittelalter (843–1517)

Das Mittelalter war eine prägende Epoche der deutschen Geschichte. Das Heilige Römische Reich – der Zusatz „Deutscher Nation“ kam erst im 15. Jahrhundert auf – entwickelte sich zu einer der bedeutendsten politischen Einheiten Europas und hinterließ ein Erbe, das bis heute nachwirkt.

Die Ottonen

Mit Otto I. dem Großen (936–973) begann die große Zeit des ostfränkisch-deutschen Reiches. Seine Kaiserkrönung 962 in Rom markierte die Erneuerung des Kaisertums und begründete eine Tradition, die fast 850 Jahre bestehen sollte. Das Reich verstand sich als Nachfolger des antiken Römischen Reiches.

Das ottonische Reichskirchensystem

Die Ottonen entwickelten das Reichskirchensystem, bei dem Bischöfe und Äbte wichtige Verwaltungsaufgaben übernahmen. Dies stärkte sowohl die königliche Macht als auch die Rolle der Kirche in der deutschen Gesellschaft. Klöster wie Fulda, Reichenau und Sankt Gallen wurden zu Zentren der Bildung und Kultur.

Salier (1024–1125)

Heinrich IV. und der Investiturstreit mit Papst Gregor VII. Der Gang nach Canossa (1077) wurde zum Symbol für den Machtkampf zwischen Kaiser und Papst.

Staufer (1138–1254)

Friedrich Barbarossa und Friedrich II. führten das Reich zu kultureller und politischer Blüte. Die Kreuzzüge und die Sizilienpolitik prägten diese Zeit.

Interregnum (1254–1273)

Die „kaiserlose Zeit“ schwächte die Zentralgewalt. Territoriale Gewalten und Städte gewannen an Bedeutung.

Die Städtezeit

Seit dem 11. Jahrhundert wuchsen die Städte, vor allem im 12. und 13. Jahrhundert erlebte das Reich eine Welle von Stadtgründungen. Alte Römerstädte wie Köln und Augsburg sowie neue Gründungen wie Lübeck entwickelten sich zu wirtschaftlichen Zentren. Die Hanse, ein Bund norddeutscher Kaufmannsstädte, dominierte den Handel in Nord- und Ostsee.

Die Hanse

Die Hanse war mehr als nur ein Handelsbund – sie war ein wirtschaftliches und kulturelles Netzwerk, das von London bis Nowgorod reichte. Lübeck als „Königin der Hanse“ war ihr wichtigster Ort; die Hanse prägte den Fernhandel in Nord- und Ostsee über Jahrhunderte und brachte vielen Kaufleuten großen Wohlstand.

bis zu 200
Städte gehörten zur Blütezeit (14.–16. Jahrhundert) zur Hanse
4
große Kontore: London, Brügge, Bergen und Nowgorod
1669
fand der letzte Hansetag statt

Die Habsburger

Mit Rudolf I. wurde 1273 erstmals ein Habsburger römisch-deutscher König. Danach wechselten sich Könige aus verschiedenen Dynastien ab, vor allem Luxemburger, Wittelsbacher und Habsburger; ab 1438 blieb die Krone mit nur wenigen Jahren Unterbrechung bis 1806 bei den Habsburgern. Österreich wurde so zur führenden Macht im Reich.

Maximilian I.

Kaiser Maximilian I. (1493–1519) wurde als „der letzte Ritter“ bezeichnet. Er leitete mit dem Wormser Reichstag von 1495 wichtige Reichsreformen ein und begründete durch geschickte Heiratspolitik die spätere Weltmacht der Habsburger. Über das Reich seines Enkels Karl V. hieß es, in ihm gehe „die Sonne nie unter“.

Deutsche Ostsiedlung

Im Hoch- und Spätmittelalter zogen zahlreiche Siedler aus dem Westen des Reiches nach Osten. Die Deutsche Ostsiedlung brachte deutsche Siedler, Kultur und Recht in die Gebiete östlich von Elbe und Saale. Städte wie Berlin, Dresden und Breslau entstanden oder wurden deutsch geprägt.

Frühe Neuzeit (1517–1789)

Die frühe Neuzeit brachte Deutschland tiefgreifende Veränderungen. Die Reformation spaltete das Reich, der Dreißigjährige Krieg verwüstete das Land, aber aus der Krise erwuchsen neue Kräfte, die Deutschland modernisierten.

Die Reformation

Die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen (1517) in Wittenberg – ob er sie tatsächlich an die Tür der Schlosskirche schlug, ist in der Forschung umstritten – löste eine geistige Revolution aus. Die Reformation spaltete Deutschland in katholische und protestantische Territorien und hatte weitreichende politische, gesellschaftliche und kulturelle Folgen.

Die Zeit der Reformation

1517
95 Thesen – Luther kritisiert Missstände der Kirche
1521
Reichstag zu Worms – Luther widerruft nicht und wird mit dem Wormser Edikt geächtet
1555
Augsburger Religionsfrieden – der Landesherr bestimmt die Konfession seiner Untertanen (später: „cuius regio, eius religio“)
1618–1648
Dreißigjähriger Krieg – Verwüstung weiter Teile des Reiches
1648
Westfälischer Friede – Ende des Dreißigjährigen Krieges

Der Dreißigjährige Krieg

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) gilt als die größte Katastrophe der deutschen Geschichte vor den Weltkriegen. Was als Konfessionskonflikt begann, entwickelte sich zu einem europäischen Machtkampf. Schätzungen zufolge verlor das Reich etwa ein Drittel seiner Bevölkerung, regional sehr unterschiedlich.

„Der Krieg ernährt den Krieg“ – der Satz, den Friedrich Schiller in seinem Drama „Die Piccolomini“ (1799) dem General Isolani in den Mund legt, beschreibt das Prinzip einer Zeit, in der sich Söldnerheere wie das Wallensteins aus den besetzten Gebieten versorgten und ganze Landstriche entvölkerten.

Der Aufstieg Preußens

Aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges erhob sich eine neue Macht: Brandenburg-Preußen. Die Hohenzollern bauten aus dem kleinen Kurfürstentum eine Großmacht auf, die schließlich Österreich als führende deutsche Macht herausforderte.

Der Große Kurfürst

Friedrich Wilhelm (1640–1688), der Große Kurfürst, legte die Grundlagen der preußischen Macht. Er schuf ein stehendes Heer, baute die Verwaltung aus und förderte die Wirtschaft. Mit dem Edikt von Potsdam (1685) nahm er französische Hugenotten auf, was Brandenburg demografisch und wirtschaftlich stärkte.

Friedrich der Große

Friedrich II. (1740–1786) machte Preußen zur europäischen Großmacht. Die Eroberung Schlesiens und die Behauptung Preußens im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) begründeten den preußisch-österreichischen Dualismus, der Deutschland bis 1866 prägte.

190.000
Mann umfasste die preußische Armee 1786 (1740: rund 89.000)
46
Jahre regierte Friedrich II.
rund 20.000
Hugenotten fanden nach 1685 in Brandenburg Zuflucht

Aufklärung und Bildungsreform

Das 18. Jahrhundert brachte Deutschland die Aufklärung. Denker wie Kant, Lessing und Herder prägten das geistige Leben. Universitäten wie Göttingen und Halle wurden zu Zentren der neuen Wissenschaften. Mit Goethe und Schiller begann eine Epoche, die in der Weimarer Klassik einen Höhepunkt der deutschen Literatur erreichte.

Deutsche Kleinstaaterei

Das Reich bestand aus rund 300 weitgehend selbstständigen Territorien – von großen Kurfürstentümern bis zu winzigen Herrschaften, hinzu kamen zahlreiche reichsritterschaftliche Gebiete. Diese Zersplitterung hemmte die wirtschaftliche Entwicklung, führte aber auch zu einer reichen kulturellen Vielfalt.

19. Jahrhundert (1789–1871)

Das 19. Jahrhundert war ein entscheidendes Jahrhundert der deutschen Geschichte. Zwischen 1789 und 1871 wurde aus dem zersplitterten Heiligen Römischen Reich über mehrere Zwischenstufen ein deutscher Nationalstaat. Revolutionen, Kriege und politische Umwälzungen prägten diese dramatische Epoche.

Die Napoleonische Zeit

Die Französische Revolution und Napoleon veränderten Deutschland grundlegend. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 beseitigte die alte Ordnung und schuf Raum für neue politische Strukturen.

Weg zur deutschen Einheit

1806
Ende des Heiligen Römischen Reichs – Franz II. legt unter dem Druck Napoleons die Kaiserkrone nieder
1813
Völkerschlacht bei Leipzig – Wendepunkt im Kampf gegen die napoleonische Herrschaft
1814/15
Wiener Kongress – Gründung des Deutschen Bundes
1848/49
Deutsche Revolution – Kampf um Einheit und Freiheit
18.1.1871
Reichsgründung – Wilhelm I. wird zum Deutschen Kaiser proklamiert

Die Befreiungskriege

Die Befreiungskriege (1813–1815) stärkten das deutsche Nationalbewusstsein. Die Völkerschlacht bei Leipzig wurde zum Symbol des Kampfes gegen die Fremdherrschaft. Allerdings standen Rheinbundstaaten wie Sachsen noch 1813 an der Seite Napoleons.

Der Deutsche Bund

Der Wiener Kongress (1814/15) schuf den Deutschen Bund als lockeren Zusammenschluss von fast 40 souveränen Fürstenstaaten und Freien Städten. Österreich und Preußen rivalisierten um die Führung, während nationale und liberale Bewegungen nach Einheit und Verfassung strebten.

Die Revolution von 1848

Die Deutsche Revolution von 1848 war der erste Versuch, Deutschland zu einen und zu demokratisieren. Die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche arbeitete eine Verfassung aus und bot dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. im April 1849 die deutsche Kaiserkrone an – vergeblich, er lehnte ab.

„Wir sollen schaffen eine Verfassung für Deutschland, für das gesamte Reich.“ – Heinrich von Gagern nach seiner Wahl zum Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung, 19. Mai 1848

Die Reichsgründung

Otto von Bismarck erreichte, was 1848 gescheitert war: die deutsche Einheit – allerdings als „kleindeutsche“ Lösung ohne Österreich und unter preußischer Führung. Schon 1862 hatte er als preußischer Ministerpräsident erklärt, die großen Fragen der Zeit würden nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse entschieden, sondern „durch Eisen und Blut“. Drei Kriege (1864, 1866, 1870/71) schufen das Deutsche Kaiserreich.

Der preußisch-österreichische Krieg

Der Deutsche Krieg (1866) entschied den Dualismus zwischen Preußen und Österreich zugunsten Preußens. Österreich schied aus der deutschen Politik aus, und Preußen gründete den Norddeutschen Bund als Vorstufe zum Reich.

Der Deutsch-Französische Krieg

Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) vollendete die deutsche Einigung. Die süddeutschen Staaten traten dem Norddeutschen Bund bei. Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert.

25
Bundesstaaten bildeten das Deutsche Kaiserreich (dazu das Reichsland Elsass-Lothringen)
41
Millionen Menschen lebten 1871 im Reich
rund 540.000
km² umfasste das Deutsche Kaiserreich

Die Industrielle Revolution

Parallel zur politischen Einigung erlebte Deutschland die Industrielle Revolution. Das Ruhrgebiet entwickelte sich zu einem der größten Industriereviere Europas. Eisenbahnen verbanden das Land, neue Erfindungen revolutionierten Produktion und Alltag.

Der Deutsche Zollverein

Der Deutsche Zollverein (1834) einte Deutschland wirtschaftlich vor der politischen Einigung. Unter preußischer Führung entstand ein gemeinsamer Markt, der den Handel förderte und die Basis für die spätere politische Einheit schuf.

Deutsches Reich (1871–1933)

Das Deutsche Kaiserreich machte Deutschland zur führenden Kontinentalmacht Europas. Die Ära war geprägt von industriellem Aufschwung, kultureller Blüte, aber auch von wachsenden internationalen Spannungen, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündeten.

Die wilhelminische Zeit

Unter Kaiser Wilhelm II. (1888–1918) erreichte das Kaiserreich seinen Höhepunkt, aber auch seine Krise. Die aggressive Außenpolitik des Kaisers führte zur Isolierung Deutschlands und trug zur Entstehung der Koalition bei, die Deutschland im Ersten Weltkrieg besiegte.

Die Bismarckschen Reformen

Otto von Bismarck schuf nicht nur das Reich, sondern legte auch die Grundlagen des modernen deutschen Sozialstaats. Seine Sozialgesetze (Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884, Invaliditäts- und Altersversicherung 1889) wurden international zum Vorbild.

Ära Bismarck (1871–1890)

Auf den Gründerboom folgt der Börsenkrach von 1873, die Industrialisierung setzt sich dennoch fort. Deutschland entwickelt sich zu einer der führenden Industrienationen Europas. Bismarck als „Eiserner Kanzler“ prägt die Politik.

Wilhelminisches Zeitalter (1890–1918)

Kaiser Wilhelm II. strebt ein „persönliches Regiment“ an. Weltpolitik und Flottenrüstung führen zu internationalen Spannungen.

Erster Weltkrieg (1914–1918)

Der „Große Krieg“ erschüttert Europa. Deutschland kämpft an zwei Fronten und geht schließlich als Verlierer hervor.

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) beendete das Kaiserreich und veränderte die Welt. Deutschland führte einen Zweifrontenkrieg und musste im November 1918 um Waffenstillstand bitten; die militärische Niederlage besiegelte das Ende der Monarchie.

über 2 Mio.
deutsche Soldaten starben im Ersten Weltkrieg
4
Jahre und drei Monate dauerte der „Große Krieg“
132
Milliarden Goldmark Reparationen setzte der Londoner Zahlungsplan 1921 fest; tatsächlich gezahlt wurden bis 1932 rund 25 Milliarden

Die Revolution von 1918

Die Novemberrevolution 1918 stürzte das Kaiserreich. Matrosen in Kiel begannen den Aufstand, der sich über ganz Deutschland ausbreitete. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus; Kaiser Wilhelm II. ging ins Exil in die Niederlande.

Die Weimarer Republik

Die Weimarer Republik (1919–1933) war Deutschlands erster Versuch einer parlamentarischen Demokratie. Trotz bedeutender kultureller und wissenschaftlicher Leistungen scheiterte sie an inneren und äußeren Belastungen.

Die Verfassung von Weimar

Die am 11. August 1919 unterzeichnete Weimarer Verfassung schuf eine moderne parlamentarische Demokratie mit weitgehenden Grundrechten und dem Frauenwahlrecht. Gleichzeitig enthielt sie Schwächen – etwa das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten nach Artikel 48 –, die ihre spätere Aushöhlung erleichterten.

Krisenzeiten der Weimarer Republik

1919
Vertrag von Versailles – Deutschland muss schwere Friedensbedingungen akzeptieren
1923
Hyperinflation – das Geld wird wertlos, Ersparnisse der Mittelschicht gehen verloren
1929
Weltwirtschaftskrise – Massenarbeitslosigkeit erschüttert die Republik
1932
Höchststand der Arbeitslosigkeit – rund 6 Millionen registrierte Arbeitslose
1933
Hitler wird Reichskanzler – Ende der Weimarer Republik

Die Goldenen Zwanziger

Zwischen 1924 und 1929 erlebte Deutschland die „Goldenen Zwanziger“. Berlin wurde zu einer Kulturmetropole Europas, die Wirtschaft erholte sich vorübergehend, und 1926 trat Deutschland dem Völkerbund bei.

Die Weimarer Zeit brachte Werke von weltweiter Ausstrahlung hervor: Das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus prägte Architektur und Design, Fritz Langs Film „Metropolis“ (1927) und die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill (1928) wurden zu Klassikern der Moderne.

Das Ende der Republik

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zerstörte die Grundlagen der Weimarer Republik. Massenarbeitslosigkeit, politische Radikalisierung, die Regierung mit Notverordnungen ohne parlamentarische Mehrheit und die mangelnde Kompromissfähigkeit der demokratischen Parteien ebneten Hitler den Weg zur Macht.

Nationalsozialismus (1933–1945)

Die NS-Zeit (1933–1945) war die dunkelste Periode der deutschen Geschichte. Die nationalsozialistische Diktatur entfesselte den Zweiten Weltkrieg und verübte beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Machtübertragung

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Nationalsozialisten selbst sprachen von „Machtergreifung“. Innerhalb weniger Monate errichteten sie eine Diktatur; mit der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 wurden zentrale Grundrechte außer Kraft gesetzt.

Die Gleichschaltung

Die Nationalsozialisten „gleichschalteten“ systematisch alle gesellschaftlichen Bereiche. Parteien wurden verboten, Gewerkschaften zerschlagen, Medien zensiert und alle Bereiche des öffentlichen Lebens der NS-Ideologie unterworfen.

Der Weg in die Diktatur

30.1.1933
Hitlers Ernennung zum Reichskanzler – Beginn der NS-Herrschaft
23.3.1933
Ermächtigungsgesetz – der Reichstag entmachtet sich unter Druck und gegen die Stimmen der SPD; die KPD-Abgeordneten waren bereits verfolgt oder verhaftet
1935
Nürnberger Gesetze – Juden werden entrechtet, Ehen zwischen Juden und Nichtjuden verboten
9./10.11.1938
Novemberpogrome – Synagogen werden niedergebrannt, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet, rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt; nach heutigem Forschungsstand starben infolge des Pogroms über 1.500 Menschen
1.9.1939
Überfall auf Polen – Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa

Der Zweite Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) begann mit dem deutschen Überfall auf Polen. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 und dem Kriegseintritt Japans und der USA weitete er sich zu einem weltweiten Krieg aus. Die Zahl der Todesopfer wird auf 50 bis 65 Millionen Menschen geschätzt.

Der Holocaust

Der Holocaust (hebräisch: Shoah) war der systematisch geplante und durchgeführte Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Rund sechs Millionen von ihnen wurden ermordet – in Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor und Belzec, bei Massenerschießungen, in Ghettos und Konzentrationslagern. Auch Hunderttausende Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen (NS-„Euthanasie“) und weitere Gruppen wurden Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.

rund 6 Mio.
Jüdinnen und Juden wurden im Holocaust ermordet
rund 5,3 Mio.
Wehrmachtsangehörige kamen ums Leben (Schätzung von Rüdiger Overmans)
50–65 Mio.
Todesopfer forderte der Zweite Weltkrieg (Schätzungen)

Der Widerstand

Trotz der totalitären Kontrolle gab es deutschen Widerstand gegen das NS-Regime. Von kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstandsgruppen über christlich motivierte Gegner und Einzelne wie Georg Elser bis hin zum militärischen Widerstand um das Attentat vom 20. Juli 1944 – mutige Menschen riskierten ihr Leben für ein anderes Deutschland. Sie blieben jedoch eine kleine Minderheit.

Nach Zeugenberichten rief Claus Schenk Graf von Stauffenberg vor seiner Erschießung in der Nacht zum 21. Juli 1944 im Hof des Berliner Bendlerblocks „Es lebe das heilige Deutschland!“ – nach anderer Überlieferung „Es lebe das geheime Deutschland!“, in Anspielung auf den Dichter Stefan George.

Das Ende der NS-Herrschaft

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft. Hitler hatte sich am 30. April das Leben genommen, das „Tausendjährige Reich“ war nach nur zwölf Jahren zusammengebrochen. Deutschland lag in Trümmern und wurde von den Siegermächten besetzt.

Die Stunde Null

Das Jahr 1945 gilt vielen als „Stunde Null“ der deutschen Geschichte – ein Begriff, den Historiker heute differenziert sehen, weil es in Personal, Recht und Mentalitäten auch viele Kontinuitäten gab. Das Land war physisch zerstört und moralisch diskreditiert. Aus dieser totalen Niederlage musste ein neues Deutschland entstehen.

Nachkriegszeit (1945–1990)

Die Nachkriegszeit teilte Deutschland in zwei Staaten mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen. Die Teilung wurde zum Symbol des Kalten Krieges, ihre Überwindung 1990 zum Triumph der Freiheit.

Die Besatzungszeit

Nach der Kapitulation teilten die Siegermächte Deutschland in vier Besatzungszonen auf. USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich übernahmen die Kontrolle und begannen mit der Entnazifizierung und dem Wiederaufbau.

Der Marshallplan

Das 1947 von US-Außenminister George C. Marshall angekündigte Hilfsprogramm (European Recovery Program, ab 1948) unterstützte den Wiederaufbau Westeuropas. Zusammen mit der Währungsreform vom Juni 1948 trug es zum wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre („Wirtschaftswunder“) bei und band Westdeutschland in den Westen ein.

Der Weg zur Teilung

1945
Potsdamer Konferenz – die Siegermächte legen Grundsätze ihrer Besatzungspolitik fest
1948/49
Berlin-Blockade – erste große Krise des Kalten Krieges
1949
Gründung zweier deutscher Staaten – Bundesrepublik und DDR ➜ entstehen
1961
Bau der Berliner Mauer – das letzte Schlupfloch in der deutsch-deutschen Grenze wird geschlossen
1989
Fall der Berliner Mauer – Ende der Teilung in Sicht

Die Bundesrepublik Deutschland

Mit der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Das Grundgesetz schuf eine stabile parlamentarische Demokratie, die sich als „Provisorium“ verstand, sich aber dauerhaft bewährte.

Die Adenauer-Ära

Konrad Adenauer (1949–1963) prägte die ersten vierzehn Jahre der Bundesrepublik. Seine Politik der Westintegration, der europäischen Einigung und der sozialen Marktwirtschaft legte die Grundlagen für Deutschlands Erfolg.

14
Jahre regierte Konrad Adenauer
8
Millionen Flüchtlinge und Vertriebene lebten 1950 in der Bundesrepublik (rund 4 Millionen in der DDR)
1955
Pariser Verträge: Ende des Besatzungsstatuts, NATO-Beitritt der Bundesrepublik

Die Deutsche Demokratische Republik

Die DDR (1949–1990) entstand aus der sowjetischen Besatzungszone als sozialistischer deutscher Staat. Die SED errichtete eine Diktatur nach sowjetischem Vorbild, die sich nur mit Repression und ab 1961 mit der Abschottung durch die Mauer dauerhaft behaupten konnte.

Der 17. Juni 1953

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zeigte die verbreitete Ablehnung der SED-Herrschaft. Sowjetische Panzer schlugen den Aufstand nieder; deutlich wurde, dass sich das Regime letztlich auf die sowjetische Militärmacht stützte.

Der Mauerbau

Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die „Republikflucht“ sollte gestoppt und die DDR stabilisiert werden. Die Mauer wurde zum Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ – sagte Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin. Knapp zwei Monate später begann der Mauerbau.

Die Entspannungspolitik

Willy Brandts Ostpolitik ab 1969/70 verbesserte die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Der Grundlagenvertrag von 1972 normalisierte das Verhältnis, ohne dass die Bundesrepublik die DDR als Ausland anerkannte; am 18. September 1973 wurden beide deutschen Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen.

Die friedliche Revolution

1989 begann in der DDR die friedliche Revolution ➜. Ausgehend von den Montagsdemonstrationen in Leipzig entwickelte sich eine Massenbewegung, die schließlich zum Fall der Mauer und zum Ende der SED-Herrschaft führte.

Deutsche Ostpolitik

Die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt folgte der von Egon Bahr 1963 formulierten Idee des „Wandels durch Annäherung“. Verträge mit der Sowjetunion, Polen und der DDR verbesserten das Verhältnis zum Osten und ebneten den Weg zur späteren Wiedervereinigung ➜.

Moderne Zeit (seit 1990)

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober ➜ 1990 begann das neueste Kapitel der deutschen Geschichte. Das vereinte Deutschland ist der bevölkerungsreichste Mitgliedstaat der Europäischen Union und spielt in Europa und der Welt eine gewichtige Rolle.

Die Wiedervereinigung

Die deutsche Wiedervereinigung vollzog sich friedlich und mit Zustimmung der vier Siegermächte, die im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 auf ihre Rechte verzichteten. Die Integration der DDR in die Bundesrepublik brachte große Herausforderungen mit sich; die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West ist bis heute nicht in allen Bereichen abgeschlossen.

Deutschland seit 1990

1990
Deutsche Wiedervereinigung – Deutschland wird geeint, Berlin wird Hauptstadt
1999
Bundestag und Regierung ziehen nach Berlin
2002
Einführung des Euro-Bargelds – als Buchgeld existierte der Euro bereits seit 1999
2005–2021
Merkel-Ära – 16 Jahre Kanzlerschaft prägen Deutschland
2021–2025
Ampel-Koalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz
seit 2025
Bundeskanzler Friedrich Merz – Koalition aus CDU/CSU und SPD

Deutschland in der Europäischen Union

Das vereinte Deutschland ist wirtschaftlich und politisch ein Schwergewicht in Europa. Als bevölkerungsreichstes EU-Land und größte Volkswirtschaft Europas trägt Deutschland besondere Verantwortung für den Zusammenhalt der Europäischen Union.

Die Merkel-Ära

Angela Merkels 16-jährige Kanzlerschaft (2005–2021) prägte Deutschland und Europa. Ihre Amtszeit war von mehreren Krisen geprägt: der Finanzkrise, der Eurokrise, der Flüchtlingskrise und der Corona-Pandemie.

83,5
Millionen Menschen lebten Ende 2025 in Deutschland
rund 4.500
Milliarden Euro betrug das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2025
36
Jahre Deutsche Einheit am 3. Oktober 2026

Herausforderungen der Gegenwart

Deutschland steht vor großen Herausforderungen: dem demografischen Wandel, der Digitalisierung, der Energiewende und dem Klimawandel. Wie gut diese Transformationen gelingen, wird die kommenden Jahrzehnte prägen.

Die Energiewende

Mit der Energiewende baut Deutschland seine Energieversorgung grundlegend um. Die letzten drei Kernkraftwerke gingen am 15. April 2023 vom Netz, der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist bis spätestens 2038 beschlossen. Nach dem Klimaschutzgesetz soll Deutschland bis 2045 treibhausgasneutral werden.

Integration und Vielfalt

Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden. Menschen aus aller Welt leben und arbeiten hier. Integration ist eine der zentralen Aufgaben der Zukunft.

Digitalisierung

Von der Industrie 4.0 über den Glasfaserausbau bis zur Digitalisierung der Verwaltung – die digitale Transformation zählt zu den großen Aufgaben der kommenden Jahre.

Europäische Integration

Als bevölkerungsreichster EU-Mitgliedstaat trägt Deutschland besondere Verantwortung für die Zukunft Europas in einer globalisierten Welt.

Internationale Verantwortung

Deutschland engagiert sich für Frieden, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung. Die deutsche Außenpolitik setzt auf multilaterale Zusammenarbeit.

Deutschland heute

Die Bundesrepublik Deutschland ist heute eine stabile, wohlhabende und respektierte Demokratie. Die deutsche Geschichte zeigt, dass große Transformationen möglich sind, wenn sie von den Menschen getragen werden und auf demokratischen Werten basieren.

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ – Präambel des Grundgesetzes

Bilanz und Ausblick

Rund 2000 Jahre Geschichte haben ein Land hervorgebracht, das sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Deutschland steht heute für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und internationale Zusammenarbeit. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Werte stark genug sind, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

Häufig gestellte Fragen zur deutschen Geschichte

Die wichtigsten Antworten zu rund 2000 Jahren deutscher Geschichte

Hier finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen zur deutschen Geschichte. Von den germanischen Anfängen bis zur modernen Bundesrepublik – alle wichtigen Epochen und Wendepunkte kompakt erklärt.

Wo die deutsche Geschichte beginnt, ist eine Frage der Definition. Viele Darstellungen setzen bei den germanischen Stämmen an, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. in römischen Quellen greifbar sind – Germanen und Deutsche sind jedoch nicht gleichzusetzen. Als politische Einheit entstand Deutschland erst viel später: Das Ostfrankenreich (843) gilt als eine Wurzel, das 962 mit der Kaiserkrönung Ottos I. erneuerte Kaisertum als wichtiger Schritt. Die Bezeichnungen „deutsch“ und „Deutschland“ setzten sich erst im Laufe von Mittelalter und Früher Neuzeit durch. Der erste deutsche Nationalstaat entstand 1871 mit der Reichsgründung, die heutige Bundesrepublik 1949 und in ihrer gesamtdeutschen Form 1990.

Das Heilige Römische Reich (962–1806) war ein Herrschaftsverband in Mitteleuropa, der vom Mittelalter bis in die Neuzeit bestand. Als Beginn gilt die Kaiserkrönung Ottos I. 962; das Reich verstand sich als Nachfolger des antiken Römischen Reiches. Der Zusatz „Deutscher Nation“ kam im 15. Jahrhundert hinzu. In der Frühen Neuzeit war das Reich ein lockerer Verband von Hunderten von Territorien unter der Führung des Kaisers. Es prägte Deutschland fast 850 Jahre lang und endete 1806, als Kaiser Franz II. unter dem Druck Napoleons die Krone niederlegte.

Die Reformation (ab 1517) spaltete Deutschland konfessionell und politisch. Martin Luthers Kritik an der katholischen Kirche führte zur Entstehung des Protestantismus. Deutschland teilte sich in katholische und evangelische Gebiete, was jahrhundertelange Konflikte zur Folge hatte. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648), der konfessionelle wie machtpolitische Ursachen hatte, war die verheerendste Folge dieser Spaltung. Gleichzeitig förderte die Reformation Bildung, deutsche Sprache und kulturelle Entwicklung. Die konfessionelle Teilung prägte Deutschland bis ins 20. Jahrhundert.

Das Deutsche Kaiserreich entstand durch Otto von Bismarcks Politik, die er 1862 mit dem Satz umriss, die großen Fragen der Zeit würden „durch Eisen und Blut“ entschieden. Nach den Siegen über Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) schlossen sich die deutschen Staaten ohne Österreich unter preußischer Führung zusammen. Am 18. Januar 1871 wurde König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Das Reich umfasste 25 Bundesstaaten und war eine konstitutionelle Monarchie mit einem starken Kaiser und einem gewählten Reichstag.

Die Weimarer Republik (1919–1933) scheiterte an einer Kombination von Faktoren: Die Belastungen des Versailler Vertrags, die Hyperinflation 1923, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 und die politische Polarisierung schwächten die Demokratie. Konstruktionsfehler der Verfassung, wie das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten, ermöglichten die Aushöhlung der Demokratie. Vor allem fehlte vielen Deutschen die demokratische Tradition – die Republik hatte nicht genügend überzeugte Demokraten. Die Massenarbeitslosigkeit trieb die Menschen zu radikalen Parteien, was schließlich Hitlers Machtübernahme ermöglichte.

Hitler wurde formal verfassungsgemäß zum Reichskanzler ernannt, obwohl die NSDAP bei freien Reichstagswahlen nie eine Mehrheit erreichte (höchstens 37,3 Prozent im Juli 1932). Die Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und das Versagen der demokratischen Parteien bei der Problemlösung stärkten die Extremisten. Konservative Politiker wie Franz von Papen glaubten, Hitler „zähmen“ zu können, und bewogen Reichspräsident Paul von Hindenburg, ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen. Innerhalb weniger Monate bauten die Nationalsozialisten den demokratischen Rechtsstaat ab und errichteten eine totalitäre Diktatur. Die Unterschätzung Hitlers und die Bereitschaft, mit ihm zu koalieren, ermöglichten die Machtübernahme.

Die deutsche Teilung war Folge des Kalten Krieges zwischen den Siegermächten. Ursprünglich wollten die Alliierten Deutschland gemeinsam verwalten und demokratisieren. Die unterschiedlichen Vorstellungen von Demokratie und Gesellschaft führten jedoch zum Bruch zwischen West und Ost. 1949 entstanden zwei deutsche Staaten: die demokratische Bundesrepublik Deutschland im Westen und die sozialistische DDR im Osten. Die Teilung vertiefte sich mit der Integration in NATO und Warschauer Pakt. Der Bau der Berliner Mauer 1961 zementierte die Spaltung für weitere 28 Jahre.

Die deutsche Wiedervereinigung war das Ergebnis der friedlichen Revolution in der DDR und günstiger internationaler Umstände. Die Reformpolitik Gorbatschows in der Sowjetunion, die Massendemonstrationen in der DDR und der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 schufen die Voraussetzungen. Bundeskanzler Kohl ergriff die historische Chance und handelte mit der DDR-Regierung und den internationalen Partnern die Modalitäten der Wiedervereinigung aus. Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 stimmten die vier Siegermächte zu. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei – nur elf Monate nach dem Mauerfall war Deutschland wieder vereint.

Deutschland ist heute die größte Volkswirtschaft und das bevölkerungsreichste Land der EU. Als größter Beitragszahler zum EU-Haushalt trägt Deutschland besondere Verantwortung für die europäische Integration. Unter Bundeskanzlerin Merkel kam Deutschland in Krisen wie der Finanz- und Eurokrise oder der Flüchtlingskrise eine zentrale Rolle zu. Deutschland setzt auf multilaterale Zusammenarbeit und ist Motor der europäischen Einigung, steht aber auch vor der Herausforderung, diese Führungsrolle verantwortungsvoll und im Konsens mit den Partnern auszuüben.

Die deutsche Geschichte lehrt vor allem die Bedeutung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zeigten, wohin Nationalismus, Autoritarismus und Rassismus führen können. Deutschland lernte, dass Wohlstand und Frieden nur in internationaler Zusammenarbeit und europäischer Integration möglich sind. Die Entwicklung von der Diktatur zur stabilen Demokratie zeigt, dass grundlegender Wandel möglich ist. Wichtige Leitsätze sind heute „Nie wieder Krieg“, „Nie wieder Auschwitz“ sowie die Verpflichtung zu europäischer Einigung und internationaler Zusammenarbeit.